“Transfer” unter der Regie von Jan Klata
Authentizität, die durchlässig werden lässt:
Stadtgruppe Mainz besucht Theaterbiennale Mainz/Wiesbaden 2008: Neue Stücke aus Europa.

Deutsch-Polnische Innenansichten über die Tage der Vertreibung. Authentische Zeugnisse, gesprochen von Menschen, die das enfant terrible der polnischen Theaterszene eigens für das Projekt gesucht und gefunden hatte. Über ihnen thront eine Band infernalischer Altrocker: Sänger Joseph I. Stalin, Bassist Winston Churchill und am Keybord: Franklin D. Roosevelt. 4.-11.02.1945.
von sarah schneider
Es braucht kein Herumgeschiebe und vor allem keine Videoprojektion im Hintergrund, ebenso keine Menschenmassen, die von Ost nach West strömen, um eindringlich das Einwirken der scheinbar leichtfertig entschiedenen politischen Entscheidungen der Konferenz von Jalta im Leben von Deutschen und Polen für den Zuschauer eindringlich werden zu lassen.
Was am 18.06.2008 auf die Bühne des Kleinen Hauses des Mainzer Staatstheaters kommt ist so klein, wie es Großes repräsentiert und gleichwohl Beides miteinander zu kontrastieren vermag. Inmitten der Gemeinde deutsch-polnischer Zuschauer finden sich zum anschließenden Publikumsgespräch einmal nicht die zeitzeugenden Vergangenheitsbewältiger aus Historikerseminaren wider sondern vor allem junge(!) Menschen, die nach gelebter Erfahrung suchen, die sich mitteilbar machen lässt. Offensichtlich ist es der Dialog, der im Monolog auf der Bühne seinen Ursprung hat und seinen Anfang nimmt, der im Privaten oft gescheut, hier, in der semianonymen Atmosphäre des kulturdienenden Raumes von der zuhörenden Seite eingefordert werden kann, ohne die berichtende zu verletzen. Haben sich diese Vertriebenen doch freiwillig gefunden zu erzählen, offensichtlich auch im Wissen darum, dass ihre Erlebnisse mit Ihnen in die Geschichte eingehen werden und aus oral history im besten Falle schweigende Papiere oder eben gar nichts werden kann, wenn sie sich nicht äußern.
Kleine Episoden aus dem Leben der mittlerweile in ihren 60ern und darüberhinaus befindlichen Vertriebenen aus Polen und Deutschland werden, ja, schlicht erzählt. Wie man sich dabei fühlte. Wie klein man war. Wer gebrechlich ist, bekommt heute Hilfe von einem Bühnengehilfen, wer Krücken braucht und teilweise gar nicht dazu sprechen kann, bleibt sitzen auf den bereit gestellten Stühlen im Hintergrund der Bühne. Sie sitzen dort und treten an den vorderen Bühnenrand, wenn sie berichten wollen. Danach ziehen sie sich wieder in das Halbdunkel der Hinterbühne zurück. Aufgereiht und stumm sitzen sie dort nebeneinander. Wie eine Reihe von Geschworenen, die alle stellvertretend nicken könnten. Natürlich lebt die „Erzählung” von Stimme und Persönlichkeit der jeweiligen Zeugen. Es ist die Authentie, das Wissen darum, dass hier kein Drehbuch nachgestellt wird, ja, dass nicht einmal Schauspiel geboten wird und doch ist genug Schauspiel vorhanden, um die Distanz zu wahren, die für die Aufnahme dieser Thematik eine, sofern möglich, unvoreingenommene Haltung benötigt.
Beide nationale Teile verloren ihre Heimat, gelangten in Häuser, die eigentlich anderen gehörten und sollten nach dieser Entwurzelung Sprache, Herkunft und Erinnerung an ihr vorheriges Leben tilgen. Über die Umstände ist viel gesagt und geschrieben, ebensoviel Lamentiert, kritisiert und mißverstanden worden, so dass es hier keiner Wiederholung bedarf. Ein Politikum nicht zuletzt wegen der andauernden Uneinigkeiten beider betroffener Regierungen über die Form des Erinnerns, als ob es ein Urheberrecht auf Opfertum, einen Kanon der Vergangenheitsaufbereitung- und Bewahrung gebe und als ob hier wie dort nur eine Form- versehen mit korrekten Personalien-finanzieller und ideeller Förderung, ja überhaupt Diskussionsraum, verdiene.
Das PopElement, der auf einer erhöhten Bühne inmitten des Bühnenraums sitzenden großen Drei der Konferenz von Jalta ironisiert und pointiert das gewissenlos erscheinende Herumgeschiebe von Ländergrenzen mit der (szenischen) Überhöhung der Gruppe als einer Rockband, die sich selbst dem ungefilterten Startum anheimgibt und zugleich noch zum ikonographischen Fußnotenkommentar zum unbedingt ambivalent zu beurteilenden Fan-Tum der Ostalgieästhetik gelingt.
Als man am Ende angelangt im Zuschauerraum aufsteht, so geschieht dies aus Respekt vor dem Mut, vor der Offenheit sich zum einen vor Fremden zu äußern und zu öffnen und schließlich zum Bekenntnis all dieser gelebten Schwächen, die die Erfahrung der Unsicherheit in den frühesten Lebensjahren offensichtlich in Schatten über weite folgende Lebensjahrzehnte geworfen hat.
Man möchte stehen bleiben und heulen, weinen darüber wie Menschen mit diesem Gepäck auf dem Rücken, das mehr wiegt als alles, was sie damals hatten mitnehmen können und sogar mehr als das, was sie zurücklassen mussten, so viele Lebensschleifen durchlaufen mussten, um wieder, falls überhaupt, auf einen geradlinigen Weg zurückzufinden. Die Kraft, die aus einer teilweisen Resignation mit dem Zulassen dieser Beeinträchtigung erwächst, wird spürbar und ist richtungsweisend. Sie gebiert eine Perspektive für die anwesenden Generationen, dass aus Historie gewachsenes Verständnis Kümmernis aus dem eigenen Leben entfernen helfen und Aufgabe für eine Vermeidung solcher Schmerzen in der Zukunft ist. Im Kleinen, wie im Großen. Egal, welche Musik dazu spielt.
Transfer.
Regie: Jan Klata
Schauspiel der Stadt Wroclaw.
